Trotz kaum zu ertragender Strapazen läuft Guggenheim das Rennen zu Ende. «Mind over matter», sagt sie gegenüber «The Red Bulletin». «Kopf ausmachen.» Warum man sich so etwas antun soll, dürften sich viele fragen. «Weil du weg bist von der echten Welt», sagt Guggenheim. Das Leben reduzierte sich auf Schlafen, Essen, Laufen. Mit diesem Dreiklang begegnete sie einer erbarmungslosen Umgebung und wuchs über sich hinaus, erlebte ein Gefühl totaler Kontrolle über ihren Körper. Das bedeutet ihr alles.
Dabei hätte sie beinahe gar nicht erst am Rennen teilgenommen. Als erfolgreiche Athletin im Swimrun, einem extremen Ausdauerrennen im Zweierteam, bei dem abwechselnd im Neoprenanzug gerannt und in Laufschuhen geschwommen wird, hat ihr Trainer wenig Verständnis für das Experiment. «Dafür hast du das ganze Leben Zeit», sagte er. Guggenheim entgegnete: «Ich weiss ja nicht, ob ich in einem Jahr noch laufen kann.» Leider sollte sie recht behalten.
Heute, zwei Jahre später, sieht alles anders aus. Guggenheim befand sich im Frühling 2025 auf dem Rennvelo und absolvierte ein Training über 100 Kilometer. Fünf Minuten von ihrem Zuhause entfernt näherte sich von hinten ein Auto mit 80 km/h – und fuhr in der Folge ungebremst auf Guggenheim auf. Es zeigte sich später, dass die Fahrerin auf ihr Handy blickte.
Beim Aufprall wurde sie auf die Motorhaube und gegen die Frontscheibe geschleudert. Für Guggenheim war direkt im Anschluss klar, dass sie querschnittgelähmt war. Sie sagte noch an der Unfallstelle zu ihrer herbeigeeilten Mutter: «Dann gehe ich eben an die Paralympics.» Sie sollte recht behalten: Vier Wirbel sind gebrochen, die Wirbelsäule ist verschoben. Zwei Wochen wird Delia künstlich beatmet.
Die heute 23-Jährige blickt trotz des Erlebten positiv voraus: «Gedanken sind Werkzeuge», sagt Guggenheim. «Du kannst sie zurück in den Werkzeugkasten legen und andere wählen.» Ihr Ziel ist wieder der Marathon des Sables. Nicht mehr als Läuferin, sondern im Rollstuhl. Nicht mit den Beinen, sondern mit dem Oberkörper. Im Oktober startet sie in der Handicap-Version des Rennens. Ein dreiköpfiges Team wird sie begleiten und ihren Offroad-Rollstuhl über die Dünen ziehen und schieben, wenn sie mal selbst nicht weiterkommt.
Für Guggenheim ist es eine Rückkehr an einen Ort, der sie vor zwei Jahren an ihre Grenzen brachte. Damals suchte sie die Freiheit in der totalen Kontrolle über ihren Körper. Heute sucht sie die Gewissheit, dass man zu viel mehr fähig ist, als man eigentlich glaubt.
Am 10. Mai laufen beim Wings for Life World Run weltweit Hunderttausende für jene, die es nicht können. Sämtliche Startgelder fliessen in die Rückenmarksforschung. Via App kannst du mitmachen, wo immer du bist! Delia wird beim App Run Event vom Balgrist in Zürich dabei sein.