Sie spielten schon oft gegeneinander, waren lange Konkurrentinnen. Privat sind sie ihr Leben lang schon ein Duo. Im neuen «The Red Bulletin» erzählen Anouk und Zoé Vergé-Dépré, wie es sich anfühlt, nun auch auf dem Beachvolleyballfeld auf derselben Seite des Netzes zu stehen. Die Schwestern wollen hoch hinaus und greifen auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 gemeinsam die Weltspitze an.
Dem Entscheid, gemeinsame Sache zu machen, gingen viele Gedanken und Gespräche voraus. Als sie lange genug darüber nachgedacht hatten, ging Zoé Vergé-Déprés hinaus auf die Strasse und warf ihrer sechs Jahre älteren Schwester Anouk einen Zettel in den Briefkasten: «Willst du meine Beachpartnerin werden?», erzählen sie. Mit den Ankreuzoptionen: Ja. Nein. Vielleicht. Die Antwort kam als Polaroid-Foto. Anouk hielt darauf ein Blatt Papier mit einem einzigen Wort: Ja.
Doch die Ausgangslage war kompliziert. Im Mai 2024 hatte sich im Qualifikationskampf für die Olympischen Spiele in Paris entschieden, wer fahren durfte und wer nicht. Zoé hatte sich mit Esmée Böbner den zweiten Schweizer Quotenplatz gesichert, auf Kosten von Anouk und Joana Mäder. Zoé jubelte, Anouk blieb zurück. Die eine weinte vor Glück, die andere vor Frustration. Nun sollte ausgerechnet daraus ein neues Team entstehen.
Die Schwestern waren nie nur Beachvolleyballerinnen gewesen. Sie spielten Fussball, machten Leichtathletik, tanzten Capoeira, waren in der Pfadi und kletterten auf Bäume. Die Eltern, beide ehemalige Profi-Volleyballer und Sportlehrer, förderten die Freude am Sport, nicht den Erfolg um jeden Preis. Viel Zeit verbrachten die Schwestern in der Badi, wo ihre Eltern trainierten und coachten.
Trotzdem hatten beide Angst. Die grösste Sorge war, dass unter dem Druck des Sports ihre Beziehung als Schwestern leiden könnte. Sie sprachen über Schutzmechanismen und Grenzen und beschlossen, zwei Whatsapp-Chats zu führen: einen für die Arbeit, einen für das Private. «Wenn ich im privaten Chat schreibe», erklärt Zoé, «weiss Anouk: Ich komme als Schwester, die Rat braucht, nicht als Partnerin, die Taktik besprechen will.»
Gleichzeitig hatten sie einen Vorteil, den andere Teams erst aufbauen müssen: Sie kannten sich seit 24 Jahren. Sie konnten an einem Blick erkennen, ob die andere erschöpft, verunsichert oder wütend war. Das sogenannte «Gaze Behavior», das Blickverhalten in Drucksituationen, war für sie keine erlernte Technik, sondern Kindheitserfahrung.
Im ersten gemeinsamen Jahr stellten sie jedoch fest, wie unterschiedlich sie sind. «Bevor wir zusammengearbeitet haben», sagt Zoé, «dachten wir, wir seien ähnlicher. Vor allem unter Stress.» Anouk ist impulsiv und direkt, Zoé ruhig und zurückhaltend.
Ihr Teamname «Zouk» verbindet ihre Vornamen und verweist zugleich auf eine kreolische Musikrichtung aus Guadeloupe, der Heimat ihres Vaters. Für sie steht er für Leichtigkeit und Freude – als psychologischer Anker in Drucksituationen.
Heute, zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in Los Angeles, glauben sie, dass ihr Projekt funktioniert. Nicht perfekt, aber gut genug. Auf dem Platz ergänzen sie sich: Anouk bringt Erfahrung, Energie und Intuition, Zoé Ruhe, Kreativität und Ehrgeiz.
Manchmal vergessen sie, dass sie Schwestern sind, und sind einfach zwei Spielerinnen mit demselben Ziel. Und manchmal vergessen sie, dass sie Spielerinnen sind. Dann sind sie einfach zwei Schwestern.