47 Sekunden. So lange bleibt dein Blick im Schnitt auf einem Bildschirm, bevor er weiterwandert. Bis die Konzentration nach einer Unterbrechung wieder trägt, vergehen bis zu 25 Minuten. Ein Wert, der viel darüber sagt, wie schnelllebig die Gegenwart ist. Während Algorithmen die Arbeitswelt weiter beschleunigen, gewinnt der nachhaltige Umgang mit KI ständig an Bedeutung.
Wie Philip Morris International den Wandel nutzt, um menschliches Potenzial zu stärken, erklärt Jennifer Motles exklusiv im Interview. Jennifer Motles ist Chief Sustainability Officer bei PMI. Sie verantwortet die weltweite Nachhaltigkeitsstrategie und treibt die rauchfreie Transformation des Konzerns voran.
Frau Motles, viele Arbeitnehmende befürchten, durch KI ihren Job zu verlieren. Ist diese Angst berechtigt?
Jennifer Motles: Es ist verständlich, dass Menschen Unsicherheit verspüren, wenn eine Technologie das Potenzial hat, unsere Arbeitsweise grundlegend zu verändern. Aber die eigentlich wichtige Frage lautet nicht, ob dieser Wandel stattfindet, sondern wie wir Menschen darauf vorbereiten, daran teilzuhaben und ihn für sich zu nutzen.
Unsere eigene Transformation bei PMI hat gezeigt: Echter Fortschritt ist nie rein technologisch. Er steht und fällt mit den Menschen, ihren Fähigkeiten, den Rahmenbedingungen und dem gesamten Umfeld des Unternehmens. Das ist auch der Kern unseres Wertschöpfungsplans (Value Plan 2030+): Nachhaltiger Wert entsteht nur, wenn wir sorgsam mit all unseren Ressourcen umgehen – sei es das finanzielle, menschliche, intellektuelle, ökologische, materielle oder soziale Kapital.
Während sich die Technologie weiterentwickelt, sollten Organisationen gezielt in ihre Menschen investieren: in Kompetenzen, kontinuierliches Lernen, Anpassungsfähigkeit und eine offene Haltung. KI kann ein starker Beschleuniger sein, aber am Ende sind es die Menschen – ihre Urteilskraft, Kreativität, Neugier und Teamfähigkeit –, die darüber entscheiden, ob Transformation echten, nachhaltigen Wert schafft.
Beim Wandel von Philip Morris International hin zu einer rauchfreien Zukunft mussten unzählige Prozesse neu gedacht werden. Welche Lehren aus dieser Transformation lassen sich auf den heutigen KI-Wandel übertragen?
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Transformation kein Projekt mit einem festen Enddatum ist. Wandel ist ein fortlaufender Prozess. Er erfordert ständiges Lernen, Anpassen und Nachjustieren, sowie auch die Fähigkeit, die Organisation in Bewegung zu halten, während die Wissenschaft voranschreitet, Märkte sich verändern und Erwartungen steigen.
Unsere Transformation hin zu einer rauchfreien Zukunft hat uns zudem gezeigt, dass echter Wandel selten im Alleingang gelingt. Er braucht eine klare Vision, fundierte Daten, Investitionen, Transparenz und das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure. Genau diese Disziplin ist auch bei KI gefragt. Die entscheidende Frage ist nicht, wie schnell ein Unternehmen eine neue Technologie einführt, sondern ob es sie verantwortungsvoll in Strategie, Unternehmensführung, Entscheidungswege, Erfolgsmessung und Kompetenzaufbau einbindet.
Nachhaltige Transformation bedeutet, sich ehrlich einzugestehen, was wir direkt beeinflussen können, wo Partnerschaften notwendig sind, und wie wir Ergebnisse so messen, dass sie echten Fortschritt aufzeigen.
Kritiker befürchten, dass der Einsatz von generativer KI zu vereinfachtem Denken oder kognitiver Trägheit führen könnte. Wie verhindern Unternehmen, dass eigene Denkleistungen im Alltag verkümmern?
Unternehmen müssen hier sehr gezielt vorgehen. Technologie darf das Denken der Menschen nicht einengen, sondern sollte ihre Möglichkeiten erweitern. Das bedeutet, eine Kultur zu schaffen, die Neugier, kritisches Denken und kontinuierliches Lernen fördert, anstatt diese Fähigkeiten zu verdrängen.
Für PMI steht das in direktem Zusammenhang mit nachhaltiger Wertschöpfung. Die Zukunft der Arbeit wird durch technologische Umbrüche, demografischen Wandel und sich verändernde Erwartungen neu geprägt. Organisationen müssen darauf reagieren, indem sie ihr menschliches und intellektuelles Kapital stärken.
KI kann bessere Analysen unterstützen, die Effizienz steigern und neue Möglichkeiten eröffnen. Doch Urteilsvermögen, Kreativität, Ethik und Verantwortung müssen in menschlicher Hand bleiben. Dies gelingt am besten, wenn Unternehmen die Technologie als Werkzeug zur Stärkung des Menschen nutzen und weiterhin die Fähigkeiten, vielfältigen Blickwinkel und die Entschlossenheit fördern, die es in einem dynamischen Umfeld braucht.
Was schulden Arbeitgeber ihren Teams konkret an Zeit, Budget und Raum, damit der technologische Wandel nachhaltig gelingt?
KI ist eine gewaltige technologische Kraft, die verändert, wie Organisationen arbeiten, lernen und Entscheidungen treffen. Nachhaltigkeit hingegen bietet den Rahmen, in dem ein langfristiger Wert über vernetzte Systeme hinweg geschaffen, geschützt und erhalten wird. Dadurch haben Organisationen gelernt, Abhängigkeiten und Zielkonflikte entlang von Wertschöpfungsketten, Gemeinschaften, Regulierung, Wissenschaft und Gesellschaft zu erkennen. KI erfordert nun eine ähnliche Denkweise: nicht einfach neue Technologie einzuführen, sondern neue Fähigkeiten fest in die Art und Weise einzubetten, wie eine Organisation lernt, Entscheidungen trifft, Risiken steuert und langfristig Wert schafft. Das verlangt Governance, Transparenz, den Einbezug aller Anspruchsgruppen sowie den Anspruch, jene menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln, die es braucht, um sich anzupassen und erfolgreich zu sein. Ziel darf nicht Technologie um ihrer selbst willen sein, sondern Innovation, die Menschen stärkt, bessere Entscheidungen ermöglicht, Resilienz erhöht und zu nachhaltiger Wertschöpfung beiträgt.
Am 6. Oktober 2026 findet das Perspectives Forum in Lausanne statt. Welche Impulse erhoffen Sie sich von diesem Austausch für die Zukunft der Arbeit?
Ich hoffe, dass das Forum ein konstruktives und offenes Gespräch darüber ermöglicht, was es bedeutet, Wandel anzuführen, und zwar nicht nur technologischen, sondern auch ökologischen und sozialen.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, greifen immer stärker ineinander, und keine Organisation kann sie allein bewältigen. Fortschritt lebt vom Austausch, von Partnerschaften und von der Bereitschaft, auch von Menschen zu lernen, die eine andere Perspektive mitbringen. Genau das ist unsere Haltung bei PMI: Wir sehen das als Einladung, ins Gespräch zu kommen, Zusammenhänge zu verstehen und genau dort anzusetzen, wo wir die grösste Wirkung Unterschied haben können.
Ich hoffe, dass die Teilnehmenden mit dem Gefühl herausgehen, dass die Zukunft der Arbeit uns nicht einfach widerfährt, sondern dass wir alle Verantwortung dafür tragen, sie mitzugestalten. Unser Wertschöpfungsplan (Value Plan 2030+) erinnert uns daran, dass dauerhafter Unternehmenswert entsteht, wenn Nachhaltigkeit fest in die Unternehmensstrategie eingebettet ist, in Entscheidungswege, Ressourcenverteilung, Innovation und Erfolgsmessung. Mit KI sollten wir genauso umgehen: nicht als separates Thema, sondern als eine der Kräfte, die verändern, wie Organisationen Resilienz aufbauen, Menschen entwickeln und langfristig Wert schaffen.
Jennifer Motles ist Chief Sustainability Officer bei Philip Morris International (PMI). In ihrer Funktion verantwortet sie die globale Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens und treibt dessen Transformation hin zu rauchfreien Alternativen voran.
Warum beschäftigt sich Philip Morris International (PMI) überhaupt damit, wie KI unsere Fähigkeiten und unsere Arbeitswelt verändert?
Ein Grund liegt in der eigenen Transformation: Um eine Zukunft voranzutreiben, in der Zigaretten durch rauchfreie Alternativen ersetzt werden, hat PMI sein Geschäftsmodell grundlegend verändert, Mitarbeitende weitergebildet und neue Arbeitsweisen eingeführt.
Vor zehn Jahren war PMI noch ein Zigarettenunternehmen. Ende Juli 2026 machten rauchfreie Produkte wie Tabakerhitzer, Nikotinbeutel und E-Vapor-Produkte bereits 43 Prozent des Nettoumsatzes aus und waren in 109 Märkten weltweit verfügbar. Sie sind nicht risikofrei und machen abhängig, können erwachsenen Raucherinnen und Rauchern, die sonst weiterrauchen würden, aber eine neue Alternative bieten.
Die Transformation hat PMI gezeigt, dass wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt allein nicht ausreicht. Wandel braucht Menschen, die neue Fähigkeiten entwickeln, sich an neue Realitäten anpassen und ihn aktiv vorantreiben.
Das gilt auch für eine zunehmend von KI geprägte Welt. Entscheidend wird sein, wie gut Menschen lernen, mit neuen kognitiven Anforderungen umgehen und ihre Fähigkeiten weiterentwickeln können. Deshalb möchte PMI die Diskussion darüber fördern, wie Menschen ihr Potenzial in einer Zeit des beschleunigten Wandels bestmöglich entfalten können.
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