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Der tägliche Gratis-Krimi: Teil 12

Fesselnder Lesespass mit «Hunkeler in der Wildnis». Jeden Tag einen neuen Teil zum Lesen!

Liebe Leserinnen und Leser!

In schwierigen Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: Zusammenhalt und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und was verbindet mehr, als gemeinsam für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf eine gemeinsame Phantasiereise zu gehen?

Zusammen mit dem Diogenes Verlag schenkt 20 Minuten deswegen allen Menschen in der Schweiz jeden Tag ein Stück spannender Literatur zum gemeinsamen Schmökern. Wir publizieren täglich kostenlos ein Kapitel des fesselnden Krimi-Romans «Hunkeler in der Wildnis» des Aarauer Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Lasst euch vom Lesevergnügen packen, teilt es mit euren Liebsten und vergesst nicht auf die kleinen Freuden im Leben. Bleibt gesund und passt auf euch und eure Mitmenschen auf!

Du warst nicht von Anfang an dabei? Kein Problem, hier findest du alle Kapitel.

Teil 12:

Draußen stülpte er sich den Helm über. Lächerlich fand er das, total sinnlos. Ein bisschen kam er sich vor, als wäre er auf der Flucht. »Herrgottsack«, fluchte er, »ich alter Vollidiot.«

Er fuhr an der alten Friedhofsmauer entlang bis zum Café Ankara. Dort hielt er kurz an. Richtig, dort war die Lücke in der Mauer. Er rollte weiter und bog in die Glaserbergstraße ein. Eine gediegene Wohnlage. Gepflegte Vorgärten mit allerlei Grünzeug, aus Asien oder weiß der Teufel woher eingeführt, Forsythien statt Weißdorn, an die sich weder Bienen noch Schmetterlinge heranmachten. Blanke Rasenstücke, in die sich keine Ameise verirrte. Und dies, obwohl hier lauter wohlmeinende Naturschützer wohnten, die Wale und Indianer retten wollten und bei den Großratswahlen rotgrün wählten.

Auf der Höhe von Schmidingers Haus stand Polizeiwachtmeister Schaub hinter einem Gebüsch, als Gärtner verkleidet mit einem Laubrechen in der Hand. Er beobachtete, ob jemand Schmidingers Witwe Ruth Mangold besuchen wollte. Hunkeler fand den alten Wachtmeister genauso lächerlich wie sich selber. Fast hätte er laut herausgelacht, aber er beherrschte sich. Aus den Augenwinkeln nahm er genau wahr, wie ihm Schaub verwundert nachschaute.


Er fuhr, ohne anzuhalten, durch die Dörfer nach Knoeringue. Dort hielt er bei Scholler. Er bestellte in der Wirtsstube ein Kronenbourg und setzte sich draußen unter das Scheunendach. Er musste sich erst beruhigen. Fast schien es ihm, als hätte ihn eine Angst verfolgt. Er schaute den Schwalben zu, welche die Nester unter dem Dach anflogen. Er betrachtete den Schuppen gegenüber, der in der Zeit gebaut worden war, in der man solche Mauern mit Holzbalken und Lehm baute. Er fand diese Mauer wunderschön, und er war froh, hier an diesem Ort zu sein.

Er griff zur Neuen Zürcher Zeitung und las einen Artikel über einen Briefband von Samuel Beckett, dem Nobelpreisträger. Besonders ein Zitat hatte es ihm angetan. Er las es dreimal, um es nicht zu vergessen: »Man muss weitermachen, ich kann nicht weitermachen, ich werde also weitermachen, man muss Worte sagen, solange es welche gibt.«

Endlich wurde ihm das Bier gebracht, und zwar von der Wirtin. Was ihn erstaunte. Denn es war kurz vor Mittag, und sie hatte in der Küche bestimmt alle Hände voll zu tun. Sie stellte ein Stück Zwiebelkuchen neben das Bier. Unter dem Arm hatte sie ein Schriftstück, das in einer Klarsichtfolie steckte.

»Bon appétit«, sagte sie. »Sie sind eingeladen.«

Sie blieb stehen und schaute zu, wie er das Bier gleich zur Hälfte austrank. Der Zwiebelkuchen sah herrlich aus.

»Darf ich mich setzen?«, fragte sie.

Sie setzte sich und legte das Schriftstück auf den Tisch.

»Sie sind doch ein homme de lettres, oder nicht?«

»Warum meinen Sie?«

»Ich habe Sie ein paarmal ein Buch lesen sehen in der Wirtschaft. C’est spécial, das tut ein normaler Mensch nicht.«

Er schob sich ein Stück Zwiebelkuchen in den Mund und betrachtete das Schriftstück. Es schien ein Brief zu sein, geschrieben in hoher, steiler Handschrift.

»I ha dänkt«, sagte sie, »dass dieser Brief Sie vielleicht interessiert.«

Sie zog das Schriftstück aus der Folie und gab es ihm. Er las die ersten Sätze.

Fern der Heimat, den 15. 8. 44

Liebe, liebe Eltern,

zum letzten, ja zum allerletzten Male will ich Euch, meinen Heißgeliebten, schreiben. Wenn Ihr diesen Brief empfangen werdet, wird mein Herz bereits zu schlagen aufgehört haben. Mein Körper wird dann schon verscharrt worden sein. Für mich werden die Qual und Härte des Lebens aufgehört haben. Doch für Euch, meine Lieben, wird der Schmerz von längerer Dauer sein, das weiß ich. Viele heiße Tränen um den einzigen Sohn, der so seinen bitteren Weg gehen muss, werden über Eure Wangen zur Erde niederrinnen. Doch ich bitte Euch, meine Lieben, weinet und klaget nicht zu sehr. Der Herr im Himmel wird uns trotz der Unerbittlichkeit der Menschen ein glückseliges, ja ewiges Zusammensein zukommen lassen. Glück und Wonne ohne Ende werden uns dann beschieden sein. Freuen, ja freuen wir uns darauf.

Hier hörte Hunkeler auf zu lesen. Er griff zum Bierglas, ganz langsam, um einen Schluck zu nehmen.

»Wollen Sie den Brief haben?«, fragte sie.

»Warum gerade ich?«

»Er ist von Auguste, in der Familie Guschti genannt. Ich weiß nicht viel über ihn, außer dass er in Russland füsiliert worden ist. Pour désertion, Fahnenflucht vermutlich. Aber er wollte bloß zurück in die Heimat. Er war einer der jungen Elsässer, die 1943 nach Stalingrad von den Nazis zwangsrekrutiert und an die Ostfront geschickt wurden. Vous comprenez?«

»Ja«, sagte er und kam sich blöd vor, als er es sagte, »aber ich komme aus der Schweiz. Und in der Schweiz gab es keinen Krieg.«

»Eben darum. Wir haben vor zwei Wochen unsere grand-mère begraben. Als ich ihre Kommode ausräumte, habe ich den Brief gefunden. Sie war eine Kusine von Guschti. Deshalb hat sie den Brief aufbehalten, bis heute.«

»Sie müssen den Brief aufbewahren. Er ist ein Familiendokument.«

»Mon Dieu, non. Ich habe in der Familie herumgefragt. Niemand will ihn haben. Man will nichts wissen von der Vergangenheit. Man will nur etwas: vergessen. Weil es so schlimm war.«

»Und Sie meinen, weil ich ein Schweizer bin, soll ich mich dafür interessieren?«

»Ja, weil Sie ohne Trauer sind, ohne Hass. Sie haben doch im Nachbarsdorf ein altes Haus, n’est-ce pas?«

Er nickte.

»In diesem Haus gibt es bestimmt einen Dachboden, wo allerlei Gerümpel herumliegt. Und Sie lassen den Dachboden so, wie er ist. Sie werden ihn nicht renovieren, stimmt’s?«

»Das kann ich gar nicht. Weil irgendwo unter dem Dach Fledermäuse wohnen.«

Jetzt lächelte sie kurz.

»Sehen Sie, ich habe doch recht. Sie sind ein Poet. Dasch das, wo öis Elsässer fehlt.«

»Mais non, ich bin Polizist.«

Aber sie war sich sicher.

»Es gibt bestimmt eine alte Kiste auf Ihrem Dachboden. Dort legen Sie Guschtis Brief hinein. Dort liegt er sicher. Und irgendwann, in einer anderen Zeit, findet ihn jemand. Vous faites ça pour moi? Tun Sie das für mich?«

»Meinetwegen.«

Die Fortsetzung folgt morgen. Du findest sämtliche Kapitel hier im Kanal: 20min.ch/diogenes

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Hansjörg Schneiders «Hunkeler in der Wildnis» liest du jetzt exklusiv auf 20min.ch.

Bild: Philipp Keel / © Diogenes Verlag

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Teilnameschluss: 19. April 2020