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Der tägliche Gratis-Krimi: Teil 24

Fesselnder Lesespass mit «Hunkeler in der Wildnis». Jeden Tag einen neuen Teil zum Lesen!

Liebe Leserinnen und Leser!

In schwierigen Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: Zusammenhalt und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und was verbindet mehr, als gemeinsam für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf eine gemeinsame Phantasiereise zu gehen?

Zusammen mit dem Diogenes Verlag schenkt 20 Minuten deswegen allen Menschen in der Schweiz jeden Tag ein Stück spannender Literatur zum gemeinsamen Schmökern. Wir publizieren täglich kostenlos ein Kapitel des fesselnden Krimi-Romans «Hunkeler in der Wildnis» des Aarauer Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Lasst euch vom Lesevergnügen packen, teilt es mit euren Liebsten und vergesst nicht auf die kleinen Freuden im Leben. Bleibt gesund und passt auf euch und eure Mitmenschen auf!

Du warst nicht von Anfang an dabei? Kein Problem, hier findest du alle Kapitel.

Teil 24:

Kurz darauf wanderte Hunkeler durch den Allschwiler Wald ins Elsass hinüber. Er achtete darauf, ob er den Pirol hörte. Gesehen hatte er ihn noch nie, aber er kannte seinen Ruf. Gefieder des Männchens leuchtend gelb, hatte er im Vogelbuch gelesen, karminrote Augen, schmutzigroter Schnabel und bleigraue Füße. Er vernahm ihn schon kurz nach Eintritt in den Forst. Dreisilbige Flötentöne, langgezogen, weittragend in den Laubkronen, in denen der Vogel seine Brut aufzog.

Dann lag das offene Feld vor ihm. Hier, am Waldrand, war die Grenze zu Frankreich. Hier hatten sie in früheren Nächten, wenn sie in Neuwiller drüben Edelzwicker getrunken hatten, jeweils ein Feuer gemacht und sich hingelegt, um bis in die Frühe den Rausch auszuschlafen.

Neuwiller war ein ehemaliges Bauerndorf, noch immer weitgehend unbeleckt vom alles verändernden Schweizer Geld. Bloß drüben am Gegenhang erhoben sich ein paar neue Backsteinhäuschen samt Crédit Mutuel.

Hunkeler wanderte gern durch dieses Dorf. Die Ställe standen zwar leer wie überall in der Gegend, bloß ein paar Pferde grasten in einer Wiese. Aber es duftete immer noch nach Landwirtschaft, nach Heu, Runkeln und Mist.

Justine Schwartz wohnte gleich neben der Kirche in einem mächtigen Bauernhaus. Sie hatte es geerbt und mehrere Wohnungen eingebaut.

Ihr Moped stand vor der Tür. Er hörte durchs offene Fenster, wie sie Klavier spielte und dazu sang, Et la Seine coule, coule, coule. Er musste mehrmals mit der Faust gegen die Tür hämmern, bis sie ihn hörte.

»Bonjour, Pierre. Was für eine Überraschung. Was suchst du hier auf dem Lande?«

»Ich habe im Wald den Pirol singen gehört. Da habe ich gedacht, ich könnte bei dir vorbeischauen.«

»Wie schön. Komm herein.«

Sie bewohnte die alte große Küche.

»Das ist meine Stube. Das Schlafzimmer liegt gleich nebenan. Willst du es sehen?«

Sie öffnete die Tür zu einer Kammer. Eine breite Bettstatt stand darin aus schön gebeiztem Nussholz.

»Hier drin haben mich meine Eltern gezeugt. Und hier drin ist meine Mutter gestorben.«

Sie zeigte auf gerahmte Fotos auf einer Kommode. Darüber an der Wand hing ein Madonnenbild.

»Was darf ich dir anbieten? Apfelsaft?«

»Ja gern.«

Sie ging hinaus, und er betrachtete die Küche. Den langen Tisch. Das Buffet mit Geschirr und Pfannen. Die alte Spüle. Den Feuerherd, neben dem das Klavier stand. Das gefiel ihm, er liebte Räume mit Vergangenheit.

Justine brachte den Most und schenkte ein.

»Hinten im Obstgarten stehen immer noch die alten Bäume. Mostbirnen, Gravensteiner, Renetten, Glocken und Boskop. Niemand will sie mehr haben. Damit sie nicht verfaulen, bringe ich sie in die Mosterei nach Hésingue. Schmeckt’s?«

»Wie frisch ab Presse. Wenn ich fragen darf, wo ist dein Vater gestorben?«

Ein Schatten flog über ihr Gesicht.

»Das weiß ich nicht. Irgendwo in Ostpreußen, habe ich gehört. Das ist lange her. Reden wir von heute.«

»Gut. Wovon lebst du eigentlich?«

Sie schenkte ihm ihr charmantes Lächeln, mit dem sie früher die Festhütten der Gegend verzaubert hatte.

»De l’amour. Und von der Luft. Non, die Wahrheit ist, je suis capitaliste. Ich lebe vom Kapital meiner Eltern. Von den Mieteinnahmen durch die Wohnungen hier. Die Leute lieben das, altes Holz an der Wand, ein Balken mitten in der Stube, mit Wurmlöchern drin. Obschon im ganzen Haus kein einziger Holzwurm mehr lebt. Die wurden alle chemisch vergiftet und vertilgt. Richtig rustikal.«

»Gibst du noch Konzerte?«

Ein schelmisches Lächeln, ein bisschen burschikos, aber nicht allzu sehr. Der Spatz von Neuwiller.

»Ab und an eine Hochzeit oder ein runder Geburtstag, mit dreißig, vierzig Leuten. Für ein Trinkgeld. Die einzigen großen Auf‌tritte habe ich noch im Fauteuil-Theater in Basel. Non, rien de rien, non je ne regrette rien und so weiter. Die Basler lieben das. Spargeln im Frühling, Gugelhopf und Chansons. Wie es tatsächlich aussieht im Elsass, das interessiert sie nicht. In Frankreich funktioniert nichts mehr außer den Renten der Staatsangestellten. La grande nation, elle est foutue. La douce France, elle est am Arsch. Und wenn jemand etwas ändern will, marschieren die Gewerkschaften auf. Oder neuerdings die Gelbwesten. Aber was soll’s?«

Sie schenkte ihm neu ein.

»Du bist wegen Schmidinger hier, nicht wahr?«

»Eigentlich schon. Obschon ich an sich nichts mit ihm zu tun habe.«

»Der arme Heinrich«, sagte sie, plötzlich sehr ernst. »Er hat oft hier in der Küche gesessen, wo jetzt du sitzt. Er wollte mir etwas erzählen, deshalb ist er hergekommen. Ich wusste das. Ich habe ihm Zeit gelassen, bereit zum Zuhören. Er hat fast nichts über die Lippen gebracht. Er war der einsamste Mensch, den ich gekannt habe. Ich habe viele einsame Seelen gekannt, im Showbusiness wimmelt es davon. Sie brauchen die Auf‌tritte, um sich mitteilen zu können. Man sagt, sie baden im Applaus. Der Satz stimmt, der Applaus ist die einzige intime Berührung, die sie zulassen. Deshalb suchen sie ihn immer wieder aufs Neue, weil sie ihn brauchen, um zu überleben. Es ist wie eine Sucht.«

»Wie ist es mit dir?«

»Was meinst du, warum ich immer wieder auftrete, als alte Frau?«

»Weil du gerne singst.«

»Singen kann ich auch hier in der Küche.«

»Aber Schmidinger ist ja nicht öffentlich aufgetreten.«

»Doch, mit seinen Verrissen. Auch mich hat er verrissen, wenn ich im Fauteuil auf‌trat. Und zwar zuverlässig. Er hat sich dann hier in der Küche dafür entschuldigt. Es tue ihm sehr leid, er habe es tun müssen. Er hat mich dafür um Verständnis angefleht.«

»Warum hast du ihn nicht einfach hinausgeschmissen?«

»Weil ich die Wahrheit kannte. Er hat sich damit herauszureden versucht, dass er sagte, die Leute wollten keine Elogen, sondern Verrisse lesen. Aber das entsprach nicht der Wahrheit. Übrigens haben mir seine Verrisse nicht groß geschadet, ich habe mein treues Publikum. Aber Heinrich hat nicht aus Berechnung verrissen, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Es war eine Perversion. Er hat das Gegenteil von dem getan, was er eigentlich hätte tun wollen. Eigentlich hätte er gerne applaudiert, aber das konnte er nicht. Bei Männern, deren Beruf das Kritisieren ist, gibt es das oft. Sie verreißen das, was sie am liebsten selber täten. Ich bin eine große Leserin. Weil ich allein lebe. Deshalb lese ich. Was da alles verrissen wird, aus pervertierter Liebe, aus Hass. Das heißt, die eigene Liebe wird pervertiert und als Hass in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Von einsamen, armen Männern, die mit ihrer Liebesfähigkeit nicht zu Rande kommen. Glaubst du mir nicht?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Was weißt du über ihn?«

Sie lächelte ihn an, zuckersüß.

»Warum soll ich dir das sagen? Ein Polizist mit dem Namen Madörin hat mich dies auch gefragt. Ich habe ihm nichts verraten.«

Sie erhob sich, setzte sich ans Klavier und spielte eine sehnsüchtige Melodie. Es war La vie en rose. Dann kam sie an den Tisch zurück.

»Das musste ich ihm jedes Mal vorspielen, wenn er herkam. Kitsch, aber schön. Er hat mir einiges erzählt. Dass er seinen Vater nie gesehen hat. In diesem Punkt war er wie ein Bruder zu mir. Dass er bei Nonnen aufgewachsen ist, in einem Heim bei Linz. Dass dies schlimm gewesen ist für ihn. Auch von Hermann Hesse hat er erzählt, von Narziss und Goldmund und vom Steppenwolf. Dass er gern nach Indien gegangen wäre, auf den Spuren von Siddharta. Was ihm nicht gelungen ist. Es ist mir aufgefallen, dass er nie über seine Mutter geredet hat. Die kam schlicht nicht vor in seiner Erzählung. Offenbar kam sie auch nicht vor in seiner Erinnerung. Als ob er sie aus seinem Leben hinausgeworfen hätte.«

»Hast du ihn nie danach gefragt?«

»Ich habe es versucht. Er ist sofort erstarrt, ich kann es nicht anders sagen. Wie ein Stein, so saß er dann an meinem Tisch. So dass ich jedes Mal erschrocken bin.«

»Was ist eigentlich mit Ruth Mangold? Woher hat sie ihr Haus an der Glaserbergstraße?«

»Das hat sie geerbt, von ihrem Vater, der Chemiker war. Dazu offenbar noch eine Menge Aktien. Sie selber hat eine Lehre bei einem Goldschmied gemacht und anschließend in Antwerpen das Schleifen von Edelsteinen gelernt. Was sie für ein Mensch ist, weiß ich nicht. Alles an ihr ist gestylt, sogar die Art, wie sie redet. Meist bleibt sie stumm. Unfassbar, unnahbar wie ein Schmetterling, ein Trauermantel zum Beispiel. Man hätte Angst, sie zu zerdrücken, wenn man sie anfassen würde. Sie hat etwas von einem Pharao.«

»Warum Pharao?«

»Weil sie leblos wirkt. Aus einem uralten Grab auferstanden, wie eine Mumie.«

»Ich habe gehört, dass Schmidinger ein Rammler gewesen sei.«

»Was soll jetzt das sein?«

»Ein Rammler? So nennt man Hasenmännchen. Weil sie oft und gern rammeln. Auch die Häsinnen übrigens.«

Sie lachte herzhaft.

»Und das glaubst du? Ihr Männer seid doch alle gleich.«

»Ich habe es nicht erfunden, sondern von einer Frau gehört.«

»Das ist Quatsch«, sagte sie, plötzlich kalt bis ans Herz hinan. »Es stimmt, dass er stets eine Frau gehabt hat. Und nie lange die gleiche, bis er Ruth Mangold fand. Sie hat sich seiner erbarmt. Er war nichts als ein Häuf‌lein Elend. Er hat es nicht einmal fertiggebracht, richtig zu weinen. Nichts, keine Träne, sein Auge blieb trocken.«

»Aber du hast ihn trotz allem gerngehabt, nicht wahr?«

Sie erhob sich, setzte sich wieder ans Klavier und sang:

Les escaliers de la butte sont dûs aux miséreux,

les ailes des moulins protègent les amoureux.

»Vielleicht hat er bei Ruth seine Liebe gefunden«, sagte sie. »Ich bitte dich jetzt zu gehen.«

Die Fortsetzung folgt morgen. Du findest sämtliche Kapitel hier im Kanal: 20min.ch/diogenes

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Bild: Philipp Keel / © Diogenes Verlag

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Teilnameschluss: 27. April 2020