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Der tägliche Gratis-Krimi: Teil 31

Fesselnder Lesespass mit «Hunkeler in der Wildnis». Jeden Tag einen neuen Teil zum Lesen!

Liebe Leserinnen und Leser!

In schwierigen Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: Zusammenhalt und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und was verbindet mehr, als gemeinsam für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf eine gemeinsame Phantasiereise zu gehen?

Zusammen mit dem Diogenes Verlag schenkt 20 Minuten deswegen allen Menschen in der Schweiz jeden Tag ein Stück spannender Literatur zum gemeinsamen Schmökern. Wir publizieren täglich kostenlos ein Kapitel des fesselnden Krimi-Romans «Hunkeler in der Wildnis» des Aarauer Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Lasst euch vom Lesevergnügen packen, teilt es mit euren Liebsten und vergesst nicht auf die kleinen Freuden im Leben. Bleibt gesund und passt auf euch und eure Mitmenschen auf!

Du warst nicht von Anfang an dabei? Kein Problem, hier findest du alle Kapitel.

Teil 31:

Es waren die Vögel, die ihn weckten, so nahe und laut sangen sie. Einige erkannte er sogleich, die Buchfinken, die Meisen, Amseln. Auch ein Zilpzalp war dabei, der alle andern übertönte. Wie der aussah, wusste er nicht, er hatte noch keinen gesehen. Aber sein schmetternder Ruf war ihm vertraut. Daneben gab es einige virtuose Sänger, die er nicht benennen konnte. Vermutlich Drosseln. Rotdrossel, Misteldrossel, Wacholderdrossel? Oder waren es Nachtigallen?

Er erhob sich und dehnte ausgiebig seinen Oberkörper. Er spürte immer noch seine rechte Seite, aber er fühlte sich bestens ausgeruht.

»Also los«, sprach er zu Kaspar, der ihn nicht aus den Augen ließ, »komm mit, wir gehen heim.«

Sie folgten dem Karrenweg zum Waldrand, wobei ihm der Hund dicht auf den Fersen blieb. Bloß an der sumpfigen Stelle, wo Schachtelhalm wuchs und sich die durchziehenden Wildschweine zu suhlen pflegten, blieb er zurück, um zu schnüffeln und zu knurren. Aber auf dem offenen Feld war er wieder da, als ob er auf das Gehen bei Fuß dressiert worden wäre.

»Schäm dich, Kamerad«, sagte Hunkeler. »Erst schnüffelst du den Säuen nach, als ob du abhauen möchtest. Dann kriechst du wieder heran und trittst mir auf den Füßen herum. Etwas will ich dir sagen. Hüte dich vor den Bachen, die sind stärker als du.«

Der Mais, mit dem die weiten Ackerflächen bebaut waren, stand bereits mannshoch. Saftiges, tropisch anmutendes Gewächs, wie auf den Bildern von Henri Rousseau. Mittendrin ein Raubtier, das einen Menschen ansprang, um ihn aufzufressen, wie auf der Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne, die im Basler Kunstmuseum hing. Dieses Bild hatte Hunkeler jetzt vor Augen. Was wohl daher kam, dass er in einem Urwald, in dem zwei gefährliche Augen auf‌leuchteten, übernachtet hatte.

Die Kirchenuhr schlug halb neun, als sie das Dorf erreichten. Links die Bretterstapel der Zimmerei, rechts am Bachufer das tiefgrüne Kraut, in dem wohl noch immer eine Bisamratte verweste. Weiter vorn das Kreuz des heiligen Imber, die Brücke, dann Hunkelers Haus. Er holte in der Scheune das Halsband, das er von der Nachbarin erhalten hatte, und einen festen Strick und band den Hund an. In der Küche kippte er eine Büchse Tortellini in einen Teller, ließ Wasser in einen Eimer laufen und stellte beides vor Kaspar hin.

»Hier, wenn du unbedingt willst. Ab morgen gibt’s bloß noch Trockenfutter aus dem Laden in Jettingen. Mal sehen, wie lange du es aushältst bei mir.«


Gegen Abend lag Hunkeler auf seinem Bett und las in einem Buch über die Kreuzzüge, wie die Kreuzritter, die 1099 Jerusalem erobert hatten, in der Al-Aksa-Moschee unter der einheimischen Bevölkerung so grausam wüteten, dass laut einem Augenzeugen das Blut den Boden knöcheltief bedeckte. Und dass der Papst dem Tempelorden, der die Aufgabe hatte, die christlichen Pilger im Heiligen Land zu beschützen, im Jahr 1144 einen Sündenerlass zusicherte. Das Buch hatte den Untertitel »Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern«. Und Hunkeler fragte sich wieder einmal, was denn an einem Krieg heilig sein konnte. Offenbar, so folgerte er, war ein Krieg dann heilig, wenn er von den jeweiligen Religionsführern heiliggesprochen wurde.

Er ging hinaus und setzte sich auf die Bank an der Hausmauer. Der Nussbaum war zu stattlicher Größe herangewachsen. Seine untersten Äste hingen knapp über dem Erdboden. Dort waren lianenartige Schlingpflanzen emporgewuchert, die schneeweiße Blütenkelche öffneten. Ein kühler Raum war dort um den Baumstamm herum, an dem eine Menge Weinbergschnecken klebten, eine neben der andern. Hunkeler ging hin, um sie zu zählen. Es waren 53 Stück.

Er hörte Hedwigs Auto heranfahren und sah sie aussteigen in leichtem hellblauem Kleid und Strohhut auf dem Kopf.

»Sommerferien«, sagte sie, »ich habe alles erledigt, was zu tun war. Fahren wir zur Feier des Tages zu Madame Chappuis nach Tagsdorf.«

Sie sah den Hund vor der Scheune liegen, der sich ruhig verhielt.

»Was soll dieses Tier dort? Hast du jetzt einen Hund?«

»Das ist bloß Kaspar«, sagte er, »er schläft friedlich.«

»Stimmt nicht. Er schaut mich böse an.«

»Aber nein. Nur für ein paar Tage. Komm her, ich will dir etwas zeigen.«

Er nahm sie an der Hand und führte sie zum Nussbaum.

»Schau mal, es sind 53 Stück.«

»Schnecken? Was soll das? Willst du den Sommer unter diesem Baum verbringen? Wo hast du überhaupt dein Auto?«

»In Basel. Ich bin gewandert, durch die Nacht.«

»Du und wandern? Da lacht ja unser Gockel. Was ist los mit dir?«

»Nichts, alles in Ordnung. Fahren wir nach Tagsdorf.«

Sie fuhren durch die Dörfer. Jettingen, Franken, Hausgauen.

»Warum streiten wir uns immer?«, fragte er.

Sie lachte fröhlich.

»Und das fragt mich Basels größter Kampfhahn.«

»Stimmt nicht, du fängst immer an.«

Sie legte ihm ihre Hand aufs Knie.

»Bitte lieb und leise. Sonst schlägt es mir auf den Magen.«

An diesem Abend gab es in der Couronne eine Seezunge aus dem Atlantik, Wachteln aus dem Roussillon und einen Flan Caramel zum Nachtisch, dazu eine Flasche St.-Émilion.

»Warum isst du Wachteln«, fragte sie, »wenn du doch die Vögel so liebst?«

»Weil ich ein Allesfresser bin, ein Raubtier. Wir haben übrigens über dreißig Vogelarten bei uns, ich habe sie gezählt. Finken, Meisen, Baumläufer am alten Birnbaum, Grasmücken und Schnäpper. Als Gäste Bunt- und Grünspecht. Einmal war sogar ein Schwarzspecht da, rabenschwarz mit knallroter Haube.«

»Hast du die Fledermäuse mitgezählt?«

»Nein, das sind Säugetiere, Flattertiere.«

»So eines bin ich auch, ich möchte auch herumflattern.«

Er grinste kurz, ließ sich aber nicht beirren.

»Ein Fledermausweibchen hat in der Regel bloß ein einziges Junges. Damit fliegt es mehrere Wochen herum, bis das Junge selber fliegen kann. Das Verrückte ist, ich weiß nicht einmal ihre Namen, ob es Hufnasen oder weiß der Teufel was sind.«

»Zum Wohl«, sagte sie, »auf deine Hufnasen.«

Sie prosteten sich zu und tranken, wunderbar.

»53 Weinbergschnecken«, sagte sie. »Als Allesfresser könntest du sie ja auch fressen, so wunderschön serviert, wie sie am Stamm kleben.«

»Nein, die interessieren mich zu sehr. Überleg doch mal, 53 Stück, das ist eine ganze Menge. Die sind von weit her herangekrochen, als die Hitze einsetzte. Die haben ein Problem damit, weil sie auf einer Schleimspur kriechen, die bei Hitze einzutrocknen droht. Deshalb suchen sie den kühlsten Ort in der Umgebung auf, um sich dort gleichsam einzupuppen, in eine Art Sommerstarre zu begeben und so zu übersommern. Wie aber haben alle 53 Schnecken diesen kühlen Ort gefunden, der zweifellos der kühlste in einem Umkreis von mindestens hundert Metern ist? Kannst du mir das erklären?«

Sie setzte ihr schnippisches Lächeln auf, das ihn immer wieder aufs Neue reizte.

»Vielleicht kennen sie diesen Ort schon lange. Wie alt wird so eine Schnecke?«

»Ich weiß bloß, dass sie zwei Jahre brauchen, bis sie geschlechtsreif sind. Und länger als 25 Jahre steht der Baum noch gar nicht.«

»Dann ist es ihr Instinkt.«

»Instinkt? Was ist das? Nein, ich bin überzeugt, dass sie ein Informationssystem haben, mit dem sie sich gegenseitig informieren.«

»Sie rufen sich also an: Komm her, hier ist es kühl?«

»So ungefähr. Das interessiert mich ungemein, wie sie sich informieren.«

»Du willst also einen Sommer lang vor dem Nussbaum lauern, damit du den Moment nicht verpasst, in dem es kühl wird, die Schnecken aus der Sommerstarre erwachen und wieder davonkriechen? Willst du das?«

»So ungefähr, ja.«

»Wie ich dich kenne, wirst du ihnen Nummern aufs Häuschen malen und Buch führen darüber, wohin und auf welchem Wege sie fortkriechen. Der heilige Hunkeler, der mit den Schnecken spricht. Nein danke, ich will nicht auf Schneckenjagd gehen. Ich will auch nicht Vögel zählen. Ich will flattern, verstehst du? Nach Italien, etwas erleben.«

»Ich war einmal ein paar Wochen in Rom«, erzählte er, »im Frühjahr. Da hing plötzlich ein Vogelzug am Himmel oben, alle in der gleichen Richtung in geschlossener Formation. Stare, die aus dem Süden zurückflogen. Es müssen Zehntausende gewesen sein. Lautlos, wie von Geisterhand geführt. Ich habe diesem Zug mindestens eine halbe Stunde lang zugeschaut, ich habe auf sein Ende gewartet. Er hat kein Ende genommen. Das war von einer unglaublichen Erhabenheit.«

Er bestellte einen Marc de Bourgogne, für sie einen Espresso.

»Du wirst jetzt also ein Vogel- und Schneckenforscher«, sagte sie.

»Ich will wissen, wer in meiner Umgebung alles lebt. Und wie dieses Leben funktioniert.« Dann brüllte er los. »Sei froh, dass ich mich überhaupt noch für etwas interessiere!«

Madame Chappuis brachte den Marc, mit einem strafenden Blick für Hunkeler.

»Siehst du«, sagte er, »jetzt bin ich wieder der Schuldige.«

Sie rührte zwei Zuckerwürfel in den Kaffee.

»Nein«, sagte sie, »ich habe genug Vögel im Kindergarten, die krähen auch in sämtlichen Sprachen. Schnecken habe ich auch genug. Von der dicken, trägen Art, die mit Süßigkeiten vollgestopft ist. Vielleicht solltest du einmal herkommen und ihnen eine Stunde lang von der Weinbergschnecke erzählen. Vielleicht würden sie dir zuhören, vielleicht auch nicht. Ich vermute mal, eher nicht. Das Einzige, was sie an der Weinbergschnecke interessieren könnte, ist die Frage, ob man sie essen kann.«

Sie nahm einen kleinen Schluck vom Kaffee.

»Über Rom könnten wir schon reden«, sagte sie.

»Von mir aus«, antwortete er.

Sie schaute ihn misstrauisch an.

»Wie meinst du das?«

»Vielleicht möchte ich mich auf eine lange Wanderung begeben, zusammen mit dir.«

»Und deine Schnecken?«

»Die laufen mir nicht davon.«

Sie überlegte kurz, dann lächelte sie ihn an.

»Und wohin?«

»Nach Assisi, zum Grab des heiligen Franz.«

»Von Basel aus? Ist das nicht zu weit?«

»Nein, wir fahren mit dem Zug nach Cremona.«

»Warum Cremona? Und nicht zum Beispiel nach Parma? Dort gibt es einen schönen Dom.«

»Gut«, sagte er. »Und dann über den Appennin in die Toskana hinein.«

»Ist das abgemacht?«

»Ich habe noch etwas zu erledigen, es dauert nicht lange. Sagen wir, in drei Tagen auf dem Bahnhof. Abgemacht.«


Mitten in der Nacht erwachte er, weil eine Eule rief. Von ganz nah, wie ihm schien, sie musste auf dem Birnbaum sitzen. Er lag neben Hedwig, spürte ihre Fußsohlen zwischen den Beinen. Er hörte wieder den Eulenruf, dann die Antwort einer zweiten Eule, die wohl auf der Pappel saß. Weißes Mondlicht lag auf der Bettdecke.

Langsam erhob er sich, sorgfältig, um Hedwigs Schlaf nicht zu stören, und ging lautlos zum Fenster. Der zunehmende Mond hing am Himmel, es fehlte nur noch wenig zum vollkommenen Rund. Das Laub der Weide glitzerte im leichten Wind, der durch die Nacht strich. Die beiden Eulen waren zum Greifen nah und trotzdem nicht zu erkennen in den Bäumen.

Von ferne, vom Wald her, war ein schwaches Heulen zu hören, als ob ein mondsüchtiger Wolf den Himmel anrufen würde. Hunkeler trat sehr leise ins Zimmer zurück. Er durchquerte Stube und Gang, ohne Licht zu machen, und öffnete die Haustür. Er sah auf den ersten Blick, dass die Stelle, wo er Kaspar angebunden hatte, leer war.

Die Fortsetzung folgt morgen. Du findest sämtliche Kapitel hier im Kanal: 20min.ch/diogenes

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Bild: Philipp Keel / © Diogenes Verlag

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Teilnameschluss: 27. April 2020