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Der tägliche Gratis-Krimi: Teil 33

Fesselnder Lesespass mit «Hunkeler in der Wildnis». Jeden Tag einen neuen Teil zum Lesen!

Liebe Leserinnen und Leser!

In schwierigen Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: Zusammenhalt und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und was verbindet mehr, als gemeinsam für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf eine gemeinsame Phantasiereise zu gehen?

Zusammen mit dem Diogenes Verlag schenkt 20 Minuten deswegen allen Menschen in der Schweiz jeden Tag ein Stück spannender Literatur zum gemeinsamen Schmökern. Wir publizieren täglich kostenlos ein Kapitel des fesselnden Krimi-Romans «Hunkeler in der Wildnis» des Aarauer Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Lasst euch vom Lesevergnügen packen, teilt es mit euren Liebsten und vergesst nicht auf die kleinen Freuden im Leben. Bleibt gesund und passt auf euch und eure Mitmenschen auf!

Du warst nicht von Anfang an dabei? Kein Problem, hier findest du alle Kapitel.

Teil 33:

Er ging hinaus und den Talbach entlang, der kaum mehr zu hören war. Nur noch ein schwaches Rieseln. Wenn nicht bald Regen kam, würde er ganz austrocknen. Die Hitze lag bleischwer über dem Land. In jedem Atemzug, in jedem Luftholen, so dass die Gedanken der Menschen zu sieden begannen, selbst am kühlen Rhein unten. Anders war es nicht zu erklären, dass eine ältere Dame, die nachts flötenspielend durch die Dörfer ging, von zwei jungen durchgeknallten Typen erschlagen und in den Fluss geworfen wurde.

Bei der Brücke vorn setzte er sich. Das Dorf schien tot zu sein. Niemand kam vorbei, den er hätte grüßen können. Kein Bellen eines Hundes, kein Rasseln einer Kette in einem Stall. Einmal ging eine getigerte Katze über die Straße. Als sie Hunkeler dasitzen sah, blieb sie kurz stehen und verschwand dann hinter einer Scheune.

Nein, was am Rhein unten geschehen war, war nicht zu verstehen. Diese Unverstehbarkeit war es, die Hunkeler so erschreckte. Vermutlich wurden die beiden Kerle demnächst gefasst. So durchgedrehte Typen waren meist zu wenig vorsichtig, um unentdeckt zu bleiben. Aber wenn sie gefasst waren, stand das Kommissariat vor einem neuen Problem. Warum hatten sie es getan? Weil sie auf Drogen waren? Weil sie nichts Gescheites zu tun hatten? Oder wegen der Hitze?

Vermutlich waren es die gleichen jungen Männer, die vorgestern Nacht, als er im Park übernachtet hatte, von Käthi Jaun und dem Häuptling verprügelt worden waren. Er wusste, dass er sich nicht korrekt verhalten hatte. Selbstverständlich hätte er dem Kollegen Madörin den Vorfall melden müssen. Vielleicht hätte so der Mord an der Holländerin verhindert werden können.

Er schloss die Augen und hatte vor sich ihre Leiche, wie sie auf den Grund des Rheins sank zu den Kieseln hinunter. Wie sie langsam, von der schwachen Strömung geschoben, flussabwärts trieb, und kein begütigender Mond hing am Himmel. Wie sie am Landesteg der Fähre vorbeischwamm und sich hier und da festhakte irgendwo am Grund. Wie sie wieder losgerissen wurde und weiter über die Kiesel kroch. Bis sie nach langer, träger Wasserfahrt vom Rechen des Rheinbads aufgefangen und an die Oberfläche geschoben wurde.

Er merkte, wie er selber von diesem langsamen Hinuntertreiben ergriffen wurde, wie er dem drängenden Sog erlag und hinabgespült zu werden drohte zum tröstlichen Ende, ins Meer.

Er hörte das Brummen eines schweren Motors und schreckte auf. Nein, es war kein Lastkahn, der sich vor seinen Augen flussaufwärts schob, vollbeladen mit Schweröl. Es war ein Traktor mit mannshohen Hinterrädern, der vorbeifuhr, am Steuer eine junge Frau, die ihm fröhlich zuwinkte.


Etwas später betrat er den Stall der Nachbarin. Sie war, wie stets um diese Zeit, am Melken.

»Sie haben Besuch«, sagte sie, »ein älterer Herr.«

»Ach so? Wie sieht er aus?«

»Un pélerin, ein Pilger. Er hat bei Ihnen angeklopft und ist dann nach hinten Richtung Wald gegangen.«

»Ach so, das ist ein Bekannter von mir. Ein bisschen seltsam, aber harmlos. Er heißt Josef Bruderer.«

»Gut zu wissen. Man muss aufpassen heutzutage. Haben Sie vom Mord am Rhein unten gehört?«

Hunkeler nickte.

»Woher wissen Sie es?«, fragte er.

»Vom Südwestrundfunk. Ich höre immer SWR, weil sie deutsch reden. Une hollandaise, erschlagen und in den Rhein geworfen. Wer macht so eppis?«

Er zuckte mit den Achseln, er wusste es auch nicht.

»Ich hätte eine Frage«, sagte er.

»Oui?«

»Ich habe kürzlich auf dem Dachboden oben etwas gesucht. Dabei fand ich in einem alten Koffer eine Klarinette. Und eine SS-Uniform.«

»Ach so. Die Klarinette, da weiß ich nicht, wem sie gehört hat. Die Uniform bestimmt dem Jean-Jacques. Ich kannte ihn nicht mehr. Aber gehört habe ich von ihm. Me het das gewösst, man wusste das im Dorf. Er ist mit 18 Jahren nach Karlsruhe gegangen und der SS beigetreten. Un fou, e Verrockte. Nach dem Krieg ist er kurz im Dorf aufgetaucht und dann in die Fremdenlegion gegangen. Pour toujours, für immer. Es liegen noch viele alte Uniformen in den alten Häusern herum, französische und deutsche. Man muss vergessen. Heute sind wir Franzosen, und dasch rächt eso. Es hat Sie ja auch niemand gefragt, ob Sie Schweizer sein wollen oder nicht.«

»Nein, aber es ist mir ganz recht so.«

»Eben.«

»Ich bin übrigens die nächsten paar Wochen weg.«

»Und Hedwig?«

»Die kommt mit.«

»Gut, ich schaue zu den Hühnern und den Katzen. Viel Vergnügen.«


Auf der Straße draußen blieb er einen Augenblick stehen und schaute nach hinten, ob er einen Pilger in brauner Kutte sah. Nichts war zu sehen als das weiße Licht, das die Blumen in den Gärten der Nachbarn auf‌leuchten ließ. Hellrosa Malven, blutrote Dahlien, die ersten blauen Astern.

Er ging in seine Küche und holte aus dem Kühlschrank ein Stück geräucherten Speck, das ihm Hedwig aus Hegenheim mitgebracht hatte. Dazu aß er eine Zwiebel und Vollkornbrot, auch ein Geschenk von Hedwig. Er trank vom Brennnesseltee, den sie ihm gebraut hatte. Es wird für mich gesorgt, dachte er zufrieden.

Da hörte er eine sonore Stimme.

Meiner Seele Morgenlicht, sei nicht fern,
o sei nicht fern!

Meiner Liebe Traumgesicht, sei nicht fern,
o sei nicht fern!

In Pagoden, in Moscheen und in Kirchen,
mein Altar

Ist allein dein Angesicht; sei nicht fern,
o sei nicht fern!

Hunkeler schaute hinaus und sah Josef Bruderer auf einem Teppich unter der Weide sitzen, vertieft in sein Gebet.

»Moment«, sagte er, »machen Sie ruhig weiter. Ich komme gleich.«

Er trug Speck, Zwiebel, Brot und den Tee hinaus zum Tisch. Bruderer hatte den Teppich eingerollt.

»Störe ich?«

»Keineswegs«, sagte Hunkeler. »Setzen Sie sich, essen Sie mit.«

Bruderer betrachtete, was auf dem Tisch lag.

»Zwiebel und Brot gern, Speck nicht. Was ist das für Tee?«

»Junge Brennnessel mit Zitrone.«

»Passt«, sagte Bruderer und setzte sich. »Sie haben hervorragenden Löwenzahn in Ihrer Wiese. Auch der Sauerampfer ist nicht von schlechten Eltern. Dazu Knöterich und Schaumkraut, herrlich.«

»Tun Sie sich keinen Zwang an.«

»Sie sollten sich einmal einen Löwenzahnsalat machen. Aber bitte ohne andere Zutaten, außer Zitrone. Bitternis zu Bitternis.«

»Von mir aus können Sie die ganze Wiese abweiden. Wie haben Sie mich gefunden?«

»Ich habe mich durchgefragt.«

Er säbelte ein Stück vom Brot ab, legte einen einzelnen Zwiebelring drauf und biss hinein. Er sagte lange nichts, schien sich ganz auf das Kauen zu konzentrieren.

»Ich bin knapp entkommen«, sagte er dann. »Ich möchte hierbleiben, wenn Sie gestatten. Ich schlafe unter dem Birnbaum, werde Sie nicht stören. Bloß diese Nacht.«

»Von mir aus. Ich verreise übermorgen nach Italien, für drei Wochen. Der Hausschlüssel liegt auf dem Balken über der Haustür. Wenn es ein Problem gibt, fragen Sie die Nachbarin im Stall gegenüber. Sie weiß Ihren Namen.«

Bruderer nickte, trank langsam ein Glas Tee und saß dann ruhig da, als würde er die hereinbrechende Dämmerung genießen und das Zirpen der Grillen. Aber irgendeine Unruhe war da, das merkte Hunkeler deutlich.

»Sie lieben sie noch immer«, sagte er.

Bruderer schwieg lange. Bis er zu erzählen begann.

»Ich habe sie in jener Nacht, als ich nach dem Boulespiel im Keller lag, weggehen sehen in den Park. Ich habe gehört, wie sie sich im Park drin mit Heinrich stritt. Dann war es plötzlich sehr still. Sie ist zurückgekommen in ihre Wohnung, hat geduscht und ist ins Bett gegangen. Nach einer halben Stunde etwa bin ich nachschauen gegangen und habe den toten Heinrich an der Mauer liegen sehen. Daraufhin wagte ich mich nicht mehr in den Keller hinunter. Ich habe mich im Thujagebüsch versteckt.«

»Warum erzählen Sie mir das jetzt?«

»Weil es dunkel ist und ich dabei niemandem in die Augen schauen muss.«

»Und warum sind Sie gerade zu mir gekommen?«

»Weil ich mich bei Ihnen sicher fühle. Ich bin seit jener Nacht nur noch wenige Male im Keller unten gewesen. Ruth bin ich immer ausgewichen. Sie wirkte auf mich wie abgestorben.«

Im Osten schob sich jetzt der Mond über den Horizont und warf sein Licht über die Weide, auf die Wiese und die beiden alten Männer auf der Bank. Aber Bruderer schien keine Augen dafür zu haben.

»Bis heute Morgen«, sagte er. »Ich war zufälligerweise im Keller, als jemand an der Haustür klingelte. Ich habe gelauscht, wer das war, um sechs Uhr in der Früh. Es waren zwei Männer vom Kommissariat, die mich mitnehmen wollten. Ich erschrak und fasste den schrecklichen Verdacht, dass Ruth auf dem Kommissariat angerufen und mich verleumdet hatte. Aber dann hörte ich, wie sie versucht hat, die beiden Männer aufzuhalten und mir Zeit zur Flucht zu geben. Sie hat es gut gemacht, ließ sie nicht herein. Ich bin durch die Kellertür entkommen und über den Burgfelder Zoll nach Frankreich geflohen. Und jetzt bin ich hier.«

»Wissen Sie, warum Sie diese Dame so sehr lieben?«

Jetzt lächelte Bruderer tatsächlich.

»Was für eine Frage. Ich habe keine Ahnung. Aber glauben Sie mir, meiner Seele Morgenlicht, meiner Liebe Traumgesicht, das ist Ruth.«

Eine der beiden Katzen sprang auf den Tisch und versuchte, den Speck zu packen. Hunkeler scheuchte sie weg.

»Wahrscheinlich«, sagte er, »haben wir schon morgen Mittag die Gendarmerie vor der Tür.«

»Ich weiß. Ich werde mich vor Sonnenaufgang auf den Weg machen.«

»Wohin?«

»Nach Langres. Dort kenne ich eine Suf‌i-Gruppe.«

»Langres«, sagte Hunkeler, »die helle Stadt auf dem Hügel, mit der weißen Kathedrale im Morgenlicht. Man sieht sie in der Ferne, wenn man im Train direct nach Paris fährt.«

»Ich bin es gewohnt, heimlich zu reisen, in der Nacht.«

»Nehmen Sie wenigstens dieses Brot mit.«

Bruderer nahm es.

»Vielen Dank«, sagte er und verschwand wiegenden Schrittes im Schatten der Bäume.

Die Fortsetzung folgt morgen. Du findest sämtliche Kapitel hier im Kanal: 20min.ch/diogenes

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Bild: Philipp Keel / © Diogenes Verlag

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Teilnameschluss: 27. April 2020